Was ist Real-World-Neuroscience?
Was ist Real-World-Neuroscience? Erfahre mehr über Hirnforschung im Alltag, mobiles EEG, Kontext und ökologische Validität – mit Quellen und Beispielen.

Ein Produkt auf einem Bildschirm betrachten, es selbst benutzen und mit jemandem darüber sprechen sind unterschiedliche Forschungssituationen. Welche passt zu deiner anstehenden Entscheidung? Real-World-Neuroscience stellt diese Frage in den Mittelpunkt: Wie lässt sich das Gehirn im Zusammenhang mit dem untersuchen, was Menschen tatsächlich tun und erleben?
Einleitung
Ein Produkt auf einem Bildschirm betrachten, es selbst benutzen und mit jemandem darüber sprechen sind unterschiedliche Forschungssituationen. Welche passt zu deiner anstehenden Entscheidung? Real-World-Neuroscience stellt diese Frage in den Mittelpunkt: Wie lässt sich das Gehirn im Zusammenhang mit dem untersuchen, was Menschen tatsächlich tun und erleben?
Was ist Real-World-Neuroscience?
Real-World-Neuroscience bezeichnet hier als Oberbegriff neurowissenschaftliche Untersuchungen in alltäglichen oder gezielt realitätsnahen Situationen, bei denen Verhalten und Kontext Teil der Forschungsfrage sind. Diese Arbeitsdefinition orientiert sich am Ansatz der Real-Life Neuroscience von Shamay-Tsoory und Mendelsohn (2019).
Dazu gehören beispielsweise Untersuchungen während eines Besuchs, einer Arbeitsaufgabe oder eines Gesprächs. Auch eine sorgfältig nachgebildete Situation kann relevant sein. Entscheidend ist, welche Merkmale des Alltags für deine Forschungsfrage benötigt werden.
Woher kommt dieser Ansatz?
Der Ansatz hat mehrere Entwicklungslinien. Dieser Artikel benennt keine einzelne Publikation als Ursprung des übergeordneten Begriffs.
Ein konkreter methodischer Ausgangspunkt ist Mobile Brain/Body Imaging, kurz MoBI: Hirnaufzeichnungen mit Körperbewegungen und Informationen zur Umgebung verbinden. Makeig und Kollegen (2009) schlugen dafür tragbare, kombinierte Messsysteme vor.
Eine weitere Linie verwendet reichhaltigere Reize in einer festen Messumgebung. Hasson und Kollegen (2004) untersuchten mittels fMRT Gemeinsamkeiten der Hirnaktivität beim Betrachten desselben Films. Dies veranschaulicht naturalistisches Material innerhalb eines Scanners, ohne dass sich die Teilnehmenden frei durch eine alltägliche Umgebung bewegen.
Naturalistisch, mobil und vor Ort: Was ist gemeint?
Verwende im Briefing konkrete Beschreibungen. In diesem Artikel unterscheiden wir:
- Naturalistische Forschung: Situationen oder Materialien mit relevanten Merkmalen des Alltags, etwa eine zusammenhängende Erzählung.
- Mobile Messung: ein Messaufbau, der eine Fortbewegung der teilnehmenden Person erlaubt.
- Feldforschung: Untersuchung in der Umgebung, in der das Verhalten stattfindet, etwa in einem Geschäft oder am Arbeitsplatz.
Diese Merkmale können zusammentreffen, müssen es aber nicht. Beschreibe deshalb getrennt, was eine Person sieht, was sie tun darf und wo die Aufzeichnung stattfindet. So lässt sich prüfen, ob ein Vorschlag die vorgesehene Nutzungssituation ausreichend abbildet.
Welche Forschungsumgebung passt zu deiner Frage?
Der folgende Vergleich ist eine redaktionelle Planungshilfe, keine Rangfolge der Forschungsqualität.
| Aufbau | Beispiel | Frage für den Auftraggeber |
|---|---|---|
| Abgegrenzte Laboraufgabe | Zwei Varianten bei gleichen Anweisungen vergleichen | Welchen einzelnen Unterschied möchte ich untersuchen? |
| Naturalistisches Material in fester Umgebung | Einen vollständigen Film oder eine zusammenhängende Erzählung präsentieren | Welche Zusammenhänge soll das Material bewahren? |
| Simulation oder VR | Eine zukünftige Umgebung erkunden lassen | Welche Handlungen und Folgen soll die Simulation nachbilden? |
| Messung vor Ort | Einen Weg durch ein Geschäft oder eine Ausstellung untersuchen | Welche Merkmale dieses Ortes sind für meine Frage wesentlich? |
Untersuchungsformen lassen sich kombinieren. Beispielsweise kannst du zuerst eine gezielte Frage untersuchen und anschließend eine Prüfung in der vorgesehenen Nutzungssituation planen. Vereinbare vorab, welches Ergebnis diesen nächsten Schritt rechtfertigt.
Was bedeutet ökologische Validität hier?
Ökologische Validität bezeichnet häufig den Bezug einer Untersuchung zum Alltagsverhalten, wird aber unterschiedlich verwendet. Holleman und Kollegen (2020) plädieren für genaue Kontextbeschreibungen statt eines allgemeinen Etiketts ‚realistisch‘.
Konkretisiere deshalb im Briefing die beabsichtigte Anwendung. Geht es um Erstbesuchende an einem ruhigen Vormittag, Stammkundschaft bei großem Andrang oder Beschäftigte während ihrer üblichen Schicht? Halte fest, welche Situation untersucht wird und für welche weiteren Situationen noch Belege benötigt werden.
Welche Rolle spielt mobiles EEG?
Mobiles EEG ist eine mögliche Methode innerhalb dieses Ansatzes. Eine frühe Feldstudie von Debener und Kollegen (2012) untersuchte eine auditive Aufgabe beim Gehen im Freien. Die Autoren berichteten eine brauchbare P300-Klassifikation in diesem Aufbau. Das belegt keine universelle Eignung jedes Headsets oder jeder Anwendung.
Wähle die Methode anhand der benötigten Informationen. Bitte um einen Vorschlag, der den Zusatznutzen gegenüber Beobachtungen, Aufgabenleistungen oder Gesprächen erklärt. Die Grundlagen findest du in [EEG erklärt](/de/wissen/eeg-erklaert), eine gezielte Anwendung in [EEG in der Erlebnisforschung](/de/wissen/eeg-erlebnisforschung).
Verbinde die Aufzeichnung mit dem Geschehen
Eine mobile Aufzeichnung erhält Bedeutung durch die begleitenden Ereignisse. Gramann und Kollegen (2014) betonen bei MoBI die synchrone Erfassung von Handlungen, Umgebung und Hirnaktivität.
Lass dir vorab zeigen, wie das Forschungsteam einen relevanten Moment identifiziert: das Sehen eines Hinweisschilds, den Beginn eines Gesprächs oder das Aufnehmen eines Produkts. Vereinbare die benötigte Aufzeichnung, die passende zeitliche Genauigkeit und den Umgang mit fehlenden Abschnitten. Erhebe nur die Kontextinformationen, die für deine Frage erforderlich sind.
Bewegung stellt Anforderungen an die Interpretation
In einer Untersuchung von Gwin und Kollegen (2010) unterschied sich der Einfluss von Bewegungsartefakten zwischen Gehen und Laufen. Die Studie prüfte einen bestimmten Korrekturansatz. Daraus folgt keine Garantie, jede mobile Aufnahme nachträglich vollständig nutzbar machen zu können.
Eine Pilotmessung sollte deshalb die vorgesehenen Handlungen enthalten. Frage anschließend, welche Teile des Erlebnisses mit der gewählten Analyse beurteilt werden können. Gib fehlenden oder unzureichend interpretierbaren Momenten im Bericht Raum, damit eine Gestaltungsentscheidung nicht auf einem unbeantworteten Abschnitt des Weges beruht.
So wird aus der Frage ein konkreter Auftrag
Nutze diese sechs Fragen als praktische Briefingstruktur:
- Welche Entscheidung steht im Mittelpunkt? Beschreibe, was du gestalten, verändern oder weiter untersuchen möchtest.
- Welche Handlung möchtest du verstehen? Benenne, was jemand tut, mit welchem Ziel und in welcher Umgebung.
- Was soll die Messung ergänzen? Frage nach dem Zusatznutzen der gewählten Hirnmessung.
- Welcher Vergleich ist nötig? Beschreibe Varianten oder Bedingungen und besprich Zuteilung und Reihenfolge.
- Was macht die Durchführung brauchbar? Lass Ereignisaufzeichnung, Teilnehmendenauswahl, Messqualität und Analyse begründen.
- Worauf soll die Empfehlung beruhen? Vereinbare eine klare Trennung von Messung, Interpretation, Unsicherheit und Empfehlung.
Diese Struktur ist eine redaktionelle Gesprächshilfe. Sie ist kein festes Neurofactor-Protokoll und schreibt keine bestimmte Anzahl an Teilnehmenden vor.
Fiktives Beispiel: Orientierung in einem Besucherzentrum
Ein Besucherzentrum möchte wissen, ob neue Wegweiser helfen, selbstständig den richtigen Raum zu finden. Das Team erwägt zunächst eine Bewertung der Schildentwürfe und anschließend eine Untersuchung des Weges mit mobilem EEG.
Ein brauchbarer Vorschlag beschreibt, welche Wegentscheidungen erfasst werden, welches Aufgabenergebnis zentral ist und welche konkrete EEG-Analyse zusätzliche Erkenntnisse liefern soll. Plane auch eine kurze Nachbesprechung: Wo zögerte die Person und welche Information suchte sie?
Angenommen, Besuchende wählen mit den neuen Schildern häufiger direkt den richtigen Weg, während ein EEG-Unterschied schwer zu interpretieren bleibt. Der Bericht kann dann das Navigationsergebnis beschreiben, ohne eine nachgewiesene Veränderung von ‚unbewusstem Stress‘ daraus zu machen. Die Empfehlung sollte zeigen, welche Daten die Gestaltung stützen und welche mögliche Erklärung noch geprüft werden muss.
Dieses Beispiel ist erfunden. Es beschreibt keine durchgeführte Neurofactor-Fallstudie und enthält keine gemessenen Ergebnisse.
Welche Fragen verhindern zu weitreichende Schlussfolgerungen?
Frage bei einem Forschungsvorschlag und Bericht:
- Welche Aussage bezieht sich genau auf die untersuchten Personen und Bedingungen?
- Welche alternative Erklärung wurde geprüft, bevor ein Unterschied der Gestaltung zugeschrieben wird?
- Wurde die Bedeutung einer Bezeichnung wie ‚Engagement‘ vorab definiert und begründet?
- Welche Erwartung wurde gezielt geprüft und welche Beobachtung liefert einen neuen Ansatzpunkt?
- Welcher Folgeschritt ist nötig, bevor die Empfehlung auf weitere Standorte übertragen wird?
Eine Untersuchung kann nützlich sein, ohne jede Unsicherheit zu beseitigen. Erkennbar bleiben sollte, was das Ergebnis stützt und was vorerst eine Arbeitshypothese ist.
Plane Kontext und Messung gemeinsam
Real-World-Neuroscience hilft, eine Forschungsfrage mit den Umständen eines Erlebnisses oder einer Handlung zu verbinden. Beginne mit deiner Entscheidung, wähle die relevante Situation und verlange eine nachvollziehbare Analyse. So kannst du beurteilen, welchen Zusatznutzen eine Messung vor Ort bietet und wie das Ergebnis in Gestaltung oder Strategie einfließen kann.
Begriffe
- Real-World-Neuroscience
- Real-World-Neuroscience bezeichnet hier als Oberbegriff neurowissenschaftliche Untersuchungen in alltäglichen oder gezielt realitätsnahen Situationen, bei denen Verhalten und Kontext Teil der Forschungsfrage sind.
- Mobile brain/body imaging (MoBI)
- Ein konkreter methodischer Ausgangspunkt ist Mobile Brain/Body Imaging, kurz MoBI: Hirnaufzeichnungen mit Körperbewegungen und Informationen zur Umgebung verbinden. schlugen dafür tragbare, kombinierte Messsysteme vor.
- Naturalistische Forschung
- Situationen oder Materialien mit relevanten Merkmalen des Alltags, etwa eine zusammenhängende Erzählung.
- Mobile Messung
- Ein Messaufbau, der eine Fortbewegung der teilnehmenden Person erlaubt.
- Feldforschung
- Untersuchung in der Umgebung, in der das Verhalten stattfindet, etwa in einem Geschäft oder am Arbeitsplatz.
- Ökologische Validität
- Ökologische Validität bezeichnet häufig den Bezug einer Untersuchung zum Alltagsverhalten, wird aber unterschiedlich verwendet. plädieren für genaue Kontextbeschreibungen statt eines allgemeinen Etiketts ‚realistisch‘.
Häufig gestellte Fragen
Wie entscheide ich, ob Forschung vor Ort sinnvoll ist?
Beschreibe zuerst deine Entscheidung und die zu untersuchenden Handlungen. Bitte das Forschungsteam dann zu erklären, welche Merkmale des Ortes für die Beantwortung unverzichtbar sind.
Muss ich zwischen Labor- und Feldforschung wählen?
Du kannst beide als aufeinanderfolgende oder ergänzende Schritte planen. Lege fest, welche Frage jeder Schritt beantwortet und was den Wechsel in eine andere Forschungsumgebung rechtfertigt.
Kann VR Teil meines Forschungsvorschlags sein?
Frage, welche Merkmale deiner Nutzungssituation die Simulation nachbildet und welche fehlen. Definiere die gewünschte Schlussfolgerung und mögliche spätere Prüfungen vor Ort.
Wie viele Teilnehmende und Messminuten brauche ich?
Bitte um eine Begründung anhand von Vergleich, benötigter Präzision und verwertbaren Daten. Dieser Artikel nennt keine feste Zahl für sämtliche Real-World-Studien.
Was sollte ich vorab bereitstellen?
Beschreibe Entscheidung, vorgesehene Teilnehmende, relevante Handlungen und mögliche Orte. Ergänze vorhandenes Untersuchungsmaterial und benenne ein praktisch brauchbares Ergebnis.
Ist das Besucherzentrumbeispiel eine bestehende Fallstudie?
Nein. Das Beispiel wurde zur Erläuterung der Forschungsentscheidungen entwickelt. Es enthält keine tatsächlichen Messdaten und belegt keine Leistungen von Neurofactor.
Quellen
- 1.Shamay-Tsoory & Mendelsohn (2019). Real-Life Neuroscience: An Ecological Approach to Brain and Behavior Research. Perspectives on Psychological Science. - Perspectives on Psychological Science (2019)
- 2.Makeig et al. (2009). Linking brain, mind and behavior. International Journal of Psychophysiology, 73, 95–100. - International Journal of Psychophysiology (2009)
- 3.Hasson et al. (2004). Intersubject Synchronization of Cortical Activity During Natural Vision. Science, 303, 1634–1640. - Science (2004)
- 4.Holleman et al. (2020). The “Real-World Approach” and Its Problems: A Critique of the Term Ecological Validity. Frontiers in Psychology, 11, 721. - Frontiers in Psychology (2020)
- 5.Debener et al. (2012). How about taking a low-cost, small, and wireless EEG for a walk?. Psychophysiology, 49, 1617–1621. - Psychophysiology (2012)
- 6.Gramann et al. (2014). Toward a new cognitive neuroscience: modeling natural brain dynamics. Frontiers in Human Neuroscience, 8, 444. - Frontiers in Human Neuroscience (2014)
- 7.Gwin et al. (2010). Removal of movement artifact from high-density EEG recorded during walking and running. Journal of Neurophysiology, 103, 3526–3534. - Journal of Neurophysiology (2010)
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Geprüft von: Martijn den Otter · Zuletzt geprüft: 24.9.2026
Martijn den Otter
Oprichter van Neurofactor. Expert in neuromarketing en consumentenpsychologie.
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